Ausschnitt aus Kapitel 2

Die bescheidene Kate seiner Großmutter lag ein wenig außerhalb des Dorfes, auf einer Lichtung am Rande des Waldes. Um sie zu erreichen, hatte er noch einen beachtlichen Fußmarsch vor sich. Donalds Magen meldete sich lautstark. Den ganzen Tag hatte er bis auf ein paar Beeren, die er im Wald gefunden hatte und das Stück Wurst, das Maggie ihm gegeben hatte, nichts gegessen. Völlig geistesabwesend nahm er die Hucke von seinem Rücken, holte einen Apfel heraus, schulterte sie wieder und setzte seinen Weg fort, dabei biss er kräftig in den Apfel hinein. Doch kaum hatte er den ersten Bissen heruntergeschluckt, wurde ihm bewusst, was er gerade getan hatte. Sein schlechtes Gewissen meldete sich lautstark.

Hätte er den Apfel nicht ebenfalls mit seiner Seanmhair teilen sollen? Hatte sie ihn nicht viel nötiger als er? Aber Maggie hatte in diesem einen Punkt recht. Wenn er auch weiterhin so gut es ging, auf alles verzichtete, würde er irgendwann viel zu schwach, um für den Unterhalt zu sorgen. Verflucht! Sie hatten wirklich zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Etwas musste sich ändern! Nur was?

Schon wieder völlig in Gedanken versunken, stopfte er den Apfel unter sein Plaid und setzte seinen Weg fort.

Als Donald das kleine Dorf passierte, war es bereits stockdunkel. In einigen Hütten brannte zwar noch Licht, aber es war totenstill. Nur seine Schritte und sein Atem waren zu hören. Mit dem Schwinden der Sonne hatte auch die Kälte eingesetzt.

Nicht mehr lange und der Winter würde Einzug halten, dann würde es noch schwieriger werden, für den Unterhalt zu sorgen.

Er war gerade dabei, sich erneut in seinen Gedanken zu verlieren, als ein lautes Gekrächze ihn unsanft unterbrach. Donald blieb stehen und sah sich um. Auf einem Ast unmittelbar über ihm saß ein Rabe, der ihn anscheinend direkt ansah. Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein, denn in der Dunkelheit waren die schwarzen Augen des Tieres kaum zu erkennen.

»Bist du ein Bote des Gevatters?«, sprach er den Vogel an. »Es heißt, Raben seien die Boten des Todes? Wen willst du holen? Mich, meine Seanmhair oder ist es jemand aus dem Dorf? Ein Jammer, dass du mir nicht antworten kannst.« Wie zur Bestätigung krächzte der Vogel laut und hüpfte dabei von einem auf das andere Bein.

»Leider verstehe ich deine Sprache nicht, aber es freut mich, dass du wenigstens versuchst, mit mir zu reden. Hast du Hunger, mein schwarzer Freund? Du solltest dich fett fressen, denn bald beginnt der Winter«, erneut krächzte das Tier. Donald grinste.

»Aye! Der Winter ist ein übler Geselle. Nicht nur für euch Vögel. Glaub mir, auch unsereins leidet darunter. Aber wir haben wenigstens ein Dach über dem Kopf, das uns vor dem Wetter schützt. Hier, mein Freund. Viel ist es ja nicht, aber ich habe hier noch ein Stück Apfel für dich. Ich denke, du hast ihn nötiger als ich. Wenn es dir nichts ausmacht, dass ich ihn schon probiert habe, dann kannst du gerne den Rest bekommen. Lass ihn dir schmecken«, während er redete, zog er den Apfel unter seinem Plaid hervor und platzierte ihn auf dem Boden. Der Rabe legte seinen Kopf schief und sah ihn erneut an, dann starrte er auf die Erde.

»Wie ich sehe, interessiert dich der Leckerbissen weitaus mehr als mein Gerede. Verständlich. Ich würde auch lieber fette Beute machen. Aber .... Ich lasse dich jetzt in Ruhe, auch ich habe noch andere Dinge zu erledigen. Gehabt dich wohl, Gevatter Rabe, und hüte dich vor dem Falken«, mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung.

Sein weiterer Weg verlief noch ein Stück am Waldrand entlang. Da der volle Mond inzwischen über den Baumwipfeln stand, war der schmale Pfad, der zu der Lichtung mit der Kate seiner Seanmhair führte, gut zu sehen. Auch die Hütte an sich war bereits von Weitem ausfindig zu machen, allerdings nicht mehr. An diesem Abend quoll weder Rauch aus dem Schornstein, noch war Licht in ihrem Innern auszumachen, sodass nichts darauf hindeutete, dass sie bewohnt war. Donald hielt völlig verwirrt inne und starrte auf die menschenleer wirkende Kate.

Was war geschehen? Seine Seanmhair würde niemals das Feuer ausgehen lassen, schon gar nicht an einem Herbstabend. Auch wenn sie kaum noch alleine zurechtkam, war dies eines der Dinge, die sie trotz ihrer Gebrechlichkeit nie vernachlässigen würde.

Donalds Herzschlag setzte für einen Moment aus.

Der Rabe! War er wirklich der Bote des Gevatters gewesen? Verdammt!

Noch während ihm der Gedanke durch den Kopf ging, löste sich seine Erstarrung und er rannte mit wild pochendem Herzen los.

Als er die windschiefe Tür erreichte, riss er sie einfach auf und stürmte ins Innere. Wie befürchtet, war das Kaminfeuer erloschen und das nicht erst seit Kurzem, denn es war in der Hütte bereits ebenso kalt wie außerhalb. Zum Glück tauchte der Mond die kleine Kammer in sein silbernes Licht, so konnte er wenigstens ohne Feuer und Kerze etwas erkennen.

Seine Seanmhair lag nicht auf dem kalten Boden, was ihn ein wenig beruhigte, doch auch auf ihrem Lager oder irgendwo sonst in der Hütte war sie nicht zu finden.

Wenn sie alleine in den Wald gegangen war ... Verdammt!

Donald nahm seine Hucke ab, stellte sie auf den Boden und rannte hinaus.

»Seanmhair«, schrie er aus Leibeskräften. Immer wieder »Seanmhair«. Doch er bekam keine Antwort. Donald lief immer tiefer in den Wald hinein. Nur noch einzelne Strahlen des Mondlichts drangen durch die Baumkronen.

Wenn er sie nicht bald fand, musste er umkehren und sie am Morgen bei Tageslicht suchen. Aber wohl war ihm nicht dabei. Eine alte, fast blinde, gebrechliche Frau ganz alleine in der Nacht mitten im Wald ... Das war nicht gut. Ganz und gar nicht gut!

Je weiter er lief, desto kopfloser wurde er.

Er musste sie unbedingt finden!

Erneut brüllte er ihren Namen, doch noch immer blieb eine Antwort aus. Wieder und wieder versuchte er es. Schließlich hielt er niedergeschlagen inne und ließ sich dabei auf einem der vom gestrigen Sturm umgestürzten Baumstämme nieder.

Es hatte keinen Sinn. Durch sein Gebrüll würde er höchstwahrscheinlich nur einen wilden Eber oder einen Wolf aufschrecken und das war weder für seine Seanmhair noch für ihn von Vorteil. Es blieb ihm demnach nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge wieder umzukehren.

Donald seufzte leise.

Dieser Tag war wirklich nicht einer seiner Besten.

Er wollte sich gerade wieder erheben und schweren Herzens auf den Rückweg machen, als er lautes Gekrächze über sich hörte. Obwohl er so gut wie nichts sehen konnte, wanderte sein Blick hinauf zu den Baumkronen.

War das schon wieder ein Rabe? Anscheinend wurde er heute von einem ganzen Schwarm dieser Vögel verfolgt.

»Du kommst mir gerade recht«, sprach er den Vogel an. »Wenn du wie dein Freund Hunger haben solltest, dann bin ich der Falsche, an den du dich wendest. Ich habe nichts dabei, was ich dir geben könnte. Such dir einen anderen. Ich habe im Moment nicht die Muße, mich mit dir zu befassen.«

»Habe ich gesagt, dass ich hungrig bin?« Donald schrak zusammen.

Woher kam diese Stimme? Sie war nicht unangenehm, auch nicht angsteinflößend, aber dennoch ... Zu wem gehörte sie? Hatte der Rabe ihm gerade geantwortet? Das konnte nicht sein! Er musste sich das aufgrund seines Hungers und der Sorge um seine Seanmhair eingebildet haben. Sprechende Raben! Vermutlich verlor er gerade den Verstand.

»Aye, Donald!«, bestätigte er selbst seine Vermutung. »Als Dorfnarr hättest du wenigstens dein Auskommen, denn alle werden sich rührend um dich kümmern.« Als hätte der Rabe sein Gemurmel gehört, ertönte von oben ein lautes Gekrächze, das dann in ein kehliges Gelächter überging. Donald reckte seinen Hals, um etwas erkennen zu können, doch es war vergeblich.

»Ja, lach nur über mich! Wie heißt es so schön: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.«

»Für den Spott ist kein Schaden verantwortlich, sondern du selbst!« Kaum waren die Worte verklungen, hörte er direkt über seinem Kopf das Schlagen von Flügeln und sah den Raben, der erst eine Runde über ihm drehte, schließlich direkt vor seinen Füßen landete und ihn dann anstarrte. Donald sah ihn ebenfalls an.

»Was bist du nur für ein komisches Tier?«, murmelte er leise vor sich hin, mehr an sich selbst als an den Raben gerichtet. »Und was willst du von mir?«

»Was ich von dir will?« Donald rieb sich verblüfft die Augen.

Der Rabe sprach tatsächlich, und zwar mit ihm. Das musste ein Traum sein! Blieb nur noch die Frage, was für einer. Wahrscheinlich ein Albtraum!

»Wie du vorhin so schön gesagt hast«, fuhr der Rabe unterdessen unbeirrt fort, »sind Raben die Boten des Gevatters. Nur dieses Mal bin ich nicht nur ein Bote. Manchmal bin ich viel mehr.«

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