Ein ganz normaler Tag

Das Mädchenklo der Leibnitz-Gesamtschule war genauso trist wie immer. Grau gekachelte Wände, grau gekachelter Fußboden, graue Trennwände, graue Türen, sogar die Klobrillen waren grau. Toilettenpapierfetzen schwammen in gelblich schimmernden Lachen. Es stank fürchterlich. Eigentlich kein Ort, an dem man sich gerne und lange aufhielt, doch Saskia sah das anders. Sie saß auf einer der Kloschüsseln und schrieb zusammenhanglose Wortfetzen auf die grauen Trennwände. Nicht, um andere mit ihren Gedanken zu beglücken, sondern nur um zu sehen, welche Wirkung ihre Schrift auf die frisch getünchten Wände ausübte. Ihre Art etwas Leben in die Tristesse dieses Schulbereichs zu bringen. Nicht weit von ihr entfernt lehnte ihre Freundin Nele gegen eine der Toilettentüren und zog an ihrer Zigarette. Das weiße Licht der Neonleuchten beschien sie, wie einen Star auf einer großen Bühne. Nele wusste es, wie man sich gekonnt in Szene setzte. Immer die neusten Sachen. Nur Markenklamotten! Esprit, S’Oliver und all der andere Schnickschnack. Oberflächliche Dinge, für eine oberflächliche Person, die sich nur über eine einzige Sache zu definieren schien, nämlich die Kohle ihres Vaters. Sicher, alles, was sie tat, machte sie richtig. Sie duldete keine faulen Kompromisse. Entweder ganz oder gar nicht! Doch Saskia hatte mittlerweile auch gelernt hinter ihre Fassade zublicken; den Menschen in der Kleidung zu sehen. Einen Menschen, der ihr weitaus ähnlicher war, als sie zunächst angenommen hatte. Beide hassten sie das tägliche Einerlei. Beide wollten sie auf irgendeine Weise ausbrechen und Beiden gelang es nur mäßig.

»Haste heut’ schon was vor? Oder soll’n wir nach der Schule noch was abhängen?« Nele zog erneut an ihrer Zigarette. Abhängen war genau das richtige Wort. Bestand ihr Leben nicht bereits nur noch aus abhängen? Ohne Sinn und Verstand, bloß um überhaupt etwas zu tun? Saskia kritzelte „Alles ist Scheiße“ an die Wand und ergänzte dann „Scheiße isst man nicht, man macht sie nur“.

»Eigentlich will mein Alter, dat ich nach der Schule sofort nach Hause komme. Meine Oma hat Geburtstag und da soll ich mit.« Nele verzog angewidert das Gesicht.

»Boa! Du willst doch nich’ wirklich zu so `ner spießigen Familienfeier gehen? Ich krieg’ schon die Krise, wenn ich nur daran denke. `Ne Horde Grufties, die alle nur blöd `rumlabern«, sie deutete einen Brechreiz an, »zum Kotzen!«

»Hab’ ja auch keinen Bock dazu.« Nele grinste.

»Dann lass es doch bleiben.« Sie zog erneut an ihrer Zigarette und ließ den Rauch als kleine Kringel aus ihrem Mund aufsteigen.

»Lass mich `mal ziehen!«

»Nur wenn’e nachher mitkommst.« Sie hielt Saskia ihre Zigarette unter die Nase und diese griff sofort zu.

»Wat hass’e denn vor?« Saskia zog gierig an der Kippe.

»Mal sehen!«

»Wenn’e nich’ weiß, watt’e machen willst, dann kann ich besser zu der blöden Feier gehen. Auf nur so `rumhängen hab’ ich nämlich auch keinen Bock.«

»Hab ich gesagt, dat wa nur so `rumhängen?« Saskia schüttelte ihren Kopf.

»Nee, aber auch nich, watt’e machen willst. Wohin wills’e denn?«

»Ins Parkhaus!«

»Klasse! Toll! Super Idee! Kann mir nichts Besseres vorstellen, als den Nachmittag im Parkhaus zu hocken und Autos zu gucken. Mensch, langweiliger geht’s wohl nich’, wa?« Nele grinste.

»Wer sagt denn, dass ich Autos gucken will? Da gibt es viel interessantere Sachen, die man gucken kann.«

»Und was, bitte schön?« Neles Grinsen wurde noch eine Spur breiter.

»Hab’ gehört, dass die Jungs aus der 12 da seit neuestem `rumhängen. Seit das Juz zu ist und die deren Halfpipe abgerissen haben, trainieren die mit ihren Skateboards auf dem ersten Parkdeck.« Ach, daher wehte der Wind! Die Jungs, das waren Patrick, Philipp und Dennis. Drei Oberstufenschüler, die echt cool drauf waren und zudem noch richtig niedlich aussahen. Philipp war der Leader der Gruppe. Ein wenig forsch, direkt und, na eben einfach süß. Zwischen Saskia und ihm bahnte sich allmählich etwas an. Liebe war es nicht, nicht einmal Verliebtheit, aber Saskia sah in ihm die Möglichkeit, der drohenden Gefühlswüste, die sich tagtäglich weiter in ihr ausbreitete, zu entkommen. Wenn auch nur für ein paar Stunden, Tage oder Wochen, so versprach er doch ein wenig Zerstreuung. Patrick dagegen war weniger forsch. Er war Neles Ziel. Sie hatte schon mehrfach versucht ihn anzubaggern, allerdings ohne richtig Erfolg damit zu haben. Kein Wunder! Patrick war ein wenig schwer von Begriff. Vielleicht, weil er im Grunde genommen nur seine Sport im Kopf hatte. Alle, in seinen Augen, unwichtigen Dinge, verdrängte er einfach. Lies sie gar nicht erst an sich heran. Doch Nele war hartnäckig. Was sie wollte, bekam sie auch, für gewöhnlich. Dennis war der Mitläufer der Gruppe. Das blasse, gesichtslose Etwas, das sich weder den Luxus von Charakter, noch von körperlicher Präsenz gönnte. Auf ihn konnte man getrost verzichten, zumal er in, ihm unangenehmen, Situationen sofort Reißaus nahm.

»Na schön! Aber Philipp gehört mir, auch wenn du wieder nicht bei Patrick landen kannst.«

Die Tür zum Mädchenklo wurde aufgerissen.

»Scheiße!« Geistesgegenwärtig warf Saskia die brennende Zigarettenkippe in die nächste Kloschüssel. Doch es war keine Lehrerin, die die Toilette betrat, sondern Eveline. Eveline ging in ihre Klasse. Keiner mochte sie. Sie war eine Streberin. Wenn man sich hinter ihr bewegen musste, musste man aufpassen, nicht auf ihrer Schleimspur auszurutschen. Auch ihr Aussehen entsprach voll und ganz den Klischees. Klein, dick, Brille und fettige Haare. Einfach grauenhaft. Das Schlimmste jedoch an ihr war, dass sie sich in letzter Zeit in den Kopf gesetzt hatte, mit Nele Freundschaft zu schließen. Das sah man auch ganz deutlich an ihrer Kleidung. Auch heute trug sie wieder fast dasselbe Outfit wie Nele, so als würde sie morgens vor der Schule schon erahnen, was Nele aus ihrem mehr als überquellenden Kleiderschrank hervorkramen würde. Allerdings stand es ihr bei Weitem nicht so gut wie Nele. Sie sah eher wie eine kleine, gedrungene Presswurst aus. Ihre fetten Schenkel staken aus dem bis zum bersten gedehnten Minirock, wie überdimensionale Kartoffelstampfer, hervor und ihre Jeansjacke war so eng, dass sie sie noch nicht einmal zu bekam. Sie wirkte geradezu lächerlich. Fast schon grotesk. Saskia fragte sich, woher sie das Geld für ihre kostspieligen neuen Outfits nahm, denn, wie jeder wusste, bekam ihr Vater nur Hartz IV, war ständig besoffen und scherte sich einen Dreck um seine Familie. Auch Evelines Mutter konnte auf keinen Fall so viel Kohle verdienen, denn soweit Saskia es wusste, ging sie nur zweimal die Woche irgendwo putzen. Vermutlich griff das Monster irgendwo die Kohle ab, solange sie sie aber in Ruhe ließ, war es ihr egal. Einen Vorteil hatte Eveline jedoch. Sie war immer genau dann greifbar, wenn man sie brauchte. Eveline war genau die Sorte Freak, auf der man gedankenlos herumhacken konnte, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Sie schluckte widerstandslos die bittersten Pillen. Optimal, wenn man von seiner eigenen, beschissenen Situation ablenken wollte. Man fühlte sich gleich viel besser.

»Na, hass’e alles mitgekriegt? Würd’ mich wundern, wenn nich’!«, Eveline antwortete nicht. Sie starrte Nele nur verlegen an.

»Nele, du siehst heute wieder Klasse aus!«, stotterte sie schließlich.

»Du auch! Wie `ne Presswurst! Sag `mal, habt ihr zu Hause keine Spiegel?« Eveline war den Tränen nahe.

»Is’ noch was?«

»Wollte nur auf’s Klo!«

»Sicher! Hast bestimmt wieder so viel in dich hineingestopft, dat es ganz schnell wieder hinaus muss. Komm Saskia, wir gehen!« Sie hielt sich mit einer Hand die Nase zu. »Stinkalarm!« Eveline stand noch immer wie angewurzelt in der Tür. Sie war nicht in der Lage zu reagieren, geschweige denn zu antworten. Saskia konnte jedoch sehen, dass sie langsam die Hände zu Fäusten ballte.

»Die Dicke geht mir so was von auf’n Sack! Kann die mich nich’ `mal in Ruhe lassen. Überall, wo ich bin, taucht die auch auf. Wie `ne Klette oder’n Parasit. Du weißt doch, die Dinger, die an einem kleben und sich an dir festsaugen. Widerlich! Hat die keine anderen Hobbys?« Es gongte. Saskia und Nele gingen widerwillig in die Klasse. Nele war gerade so gut in Fahrt. Verdammte Unterbrechung!

Nach der Schule saßen sie bei McDonalds. Sie beobachteten die Leute, die kauten und stopften, und stopften und kauten. Kinder warfen die Papiertüten ihres Happy-Meals durch die Gegend und erfreuten sich an dem Schund, der als Spielzeug getarnt in dem Papierwust zum Vorschein kam. Wie leicht sie doch zu beeindrucken waren. Was für eine Welt! Nach einer Stunde war auch das zu langweilig. Außerdem mussten die Jungs bereits im Parkhaus angekommen sein. Also beschlossen sie, aufzubrechen.

Die grauen Wände des siebenstöckigen Parkhauses waren über und über mit Graffiti beschmiert. Manche extrem aufwendig gestaltet, andere wieder eher stümperhaft einfach so dahingesprüht. Saskia und Nele rannten durch das Treppenhaus hinauf zum ersten Parkdeck. Schon von Weitem hörten sie das monotone Geräusch von Gummirollen auf Beton. Die Jungs waren also schon da, genau wie angenommen.

»Wen haben wir denn da?« Dennis hatte sie entdeckt und kam auf sie zu. ,,Wenn das nicht die kleine Mädchenfraktion ist! Philipp guck `mal deine Flamme ist da.« Saskia wurde rot, während Philipp abbremste, seinem Skateboard einen Tritt versetze, sodass es in die Luft flog, und es anschließend lässig auffing. Dann kam auch er auf sie zu, dicht gefolgt von Patrick, der die Mädchen nun ebenfalls bemerkt hatte.

»Na ihr beiden! Was treibt euch denn hierher? Langeweile?«

»Haben wir doch nie!« Nele grinste Patrick verlegen an.

»Würd’ mich auch wundern.« Patrick grinste zurück.

»Dachte, wir könnten euch `n bisschen zugucken. Hab’ gehört ihr seit gar nicht schlecht.«

»Jepp! Kann man so sagen!«

»Na, dann zeigt doch `mal, was ihr könnt!«

»Wir können euch aber nich’ alles zeigen. Ohne Halfpipe is’ das extrem schlecht.«

»Macht nix!« Das ließen sich die Jungs nicht zweimal sagen. Alle drei schwangen sich auf ihre Boards, vollführten U-Turns, Bigsporns, Flips, Grinds und andere abgedrehte Figuren. Nele war vollkommen fasziniert. Sie starrte auf Patrick und feuerte ihn dabei zu immer waghalsigeren Aktionen auf. Schließlich zog sie ihr Handy aus der Tasche und machte mehrere Fotos. Nach einer Weile kehrten die Jungen völlig außer Atem zu ihnen zurück.

»Und? Wie war’n wir?«

»Geht so.« Patrick zog ungläubig eine Augenbraue nach oben und starrte sie verwirrt an.

»Geht so?« Nele brach in Gelächter aus. »Nee, war nur `n Scherz. Ihr seid echt Klasse. Aber, dein Gesicht hättest’e sehen müssen.« Jetzt lachten sie alle.

»Haste Fotos gemacht?« Nele nickte. »Zeig mal!« Während sie die Fotos auf ihrem Handy suchte, schmiegte sie sich eng an Patrick, der jedoch einzig und allein ihr Handy zu bemerken schien. Jungs! Schoss es Saskia durch den Kopf. Konnte man begriffsstutziger sein. Es war doch offensichtlich, was Nele bezweckte, doch dieser Idiot schien es einfach nicht zu bemerken. Im Gegensatz zu Philipp, der nun neben ihr stand und sie von oben herab musterte.

»Und, war ich auch, geht so, oder war ich besser?« Saskia schluckte und lächelte ihn verlegen an. »Also war ich besser?« Sie nickte. »Dann habe ich mir doch bestimmt eine Belohnung verdient.« Wieder nickte sie. »Wie wär’s mit einem Kuss?« Saskia lief puterrot an, während Philipp sich zu ihr herunterbeugte und ihr einen Kuss auf die Lippen drückte. Sie war total überwältigt. Endlich! Endlich war er aus dem Quark gekommen und hatte genau das getan, was sie von ihm erwartete. Zögernd erwiderte sie seinen Kuss. Philipp sah das als Aufforderung an und drückte sie nun fester an sich. Saskia war selig. Sie schwebte im siebten Himmel.

»Boa, ich kann euer Geknutschte nich’ mehr ertragen! Will einer von euch auch `ne Cola. Ich geh `mal schnell irgendwo `was besorgen.« Dennis Stimme holte sie zurück auf den Boden der Tatsachen. Erst jetzt bekam sie mit, dass Nele und Patrick wohl auch gerade dabei waren, sich einander etwas näher zu kommen, denn Nele verschlang ihn geradezu mit ihren Blicken. Auch Patrick schien jetzt mehr an ihrer Freundin als an deren Handy interessiert. Gestört durch Dennis Worte, blickten sie irritiert zu ihnen herüber.

»Mach das!« Dennis verschwand, während Nele und Patrick sich wieder intensiver miteinander beschäftigten. Auch sie und Philipp ließen sich jetzt von nichts mehr stören. Ungeniert machten sie miteinander herum. Eins war klar. Der Tag war bisher sowohl für Nele als auch für sie ein voller Erfolg. Gut, dass sie nicht zu der bekloppten Feier gegangen war. Das hier war nämlich bei Weitem besser. Viel besser!

Es dauerte eine Weile, bis Dennis zurückkehrte. Jedoch nicht allein. Direkt hinter ihm tauchte der fettige Kletschkopf von Eveline auf, die munter auf ihn einredete. Dennis schien sichtlich genervt.

»Hat die Quasselwasser getrunken, oder redet die immer so viel?« Er verdrehte seine Augen. Eveline hielt mitten im Satz inne. Ihre Augen wanderten über die beiden Pärchen. Saskia bekam ein mulmiges Gefühl, als sie Evelines Blick auf sich spürte. Irgendetwas stimme nicht, doch, was es war, konnte sie sich nicht erklären. Aber nicht sie und Philipp waren das Ziel von Evelines Begierden, sondern Nele und Patrick, die sie förmlich mit ihren Augen auszog. Saskia hatte das Gefühl, dass Eveline jetzt eindeutig zu weit ging. Sich in der Schule, wie eine Klette an andere zu hängen, war eine Sache, in der Freizeit dagegen eine völlig andere. Das hier war privat. Sehr privat! Privates und Schule musste getrennt werden. Doch Eveline durchbrach mit ihrer Ankunft dieses ungeschriebene Gesetz. Penetranz hin oder her, dass sie hier war, war nicht richtig.

»Hast du `was zu Trinken geholt?« Patrick richtete seine Frage an Dennis. Wohl eher um die bedrückende Stille, die seit Evelines Ankunft entstanden war, zu durchbrechen, als mit wirklichem Interesse. Dennis grinste.

»Hier!« Er zog eine ½-Liter-Flasche Cola aus seinem Rucksack und warf sie ihm zu. Patrick fing sie lässig mit einer Hand auf. Unter lautem Zischen öffnete er sie, dabei spritzte ein Teil ihres Inhalts in Neles Richtung.

»Bist du irre? Ich hab’ schon geduscht? Igitt, ich klebe!« Nele verzog angewidert ihr Gesicht.

»Tschuldigung!« Murmelte Patrick, jedoch ohne einen Anflug von Reue, denn er grinste dabei breit.

»Willst’e auch `was?«

»Nö! Hab’ mehr als genug abbekommen!«

»Wenn die nich’ will, ich hätte liebend gern’ `nen Schluck!« Eveline kam langsam auf die beiden zu. Patrick schnitt eine Grimasse, worauf die anderen in Gelächter ausbrachen. Nicht so Eveline. Sie stand nun direkt vor ihm und strahlte ihn geradezu an.

»Es ist auch nicht schlimm, wenn du mich nass m machst, ist ja nur Cola!«

»Wenn du die trinken lässt, dann dreh ich durch!«, presste Nele zwischen ihren Zähnen hervor. Eveline erstarrte. »Fettmops, verzieh dich!«

»Ich hab’ das gleiche Recht, wie ihr, hier zu sein!«

»Sicher! Aber, du bist hier, im Gegensatz zu uns, vollkommen überflüssig.«

»Bin ich das?«, Evelines Augen blitzten, während sie Patrick weiterhin ein strahlendes Lächeln zeigte.

»Ja, und jetzt verpiss dich!«, Nele wurde langsam richtig wütend.

»Willst du auch, dass ich gehe? Oder wär’ dir’s lieber, wenn ich bleibe?«, Patrick fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut.

»Hör auf, meinen Macker anzugraben, du widerliche Schlampe!«

»Ich grab’ ihn doch gar nich’ an! Wat kann ich dafür, wenn’e deinen Typen nich’ im Griff hast!«, Saskia verstand Neles Zorn auf Evelines plumpe Anmache. Wochenlang war sie bei Patrick nicht zum Zug gekommen und jetzt, wo sie ihn endlich so weit hatte, versuchte dieses Tier ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen. Allerdings wusste sie auch, dass Nele in ihrem Zorn oftmals über das Ziel hinausschoss. Doch das hier, war etwas anderes. Es wurde wirklich langsam Zeit, dass jemand dieser Kuh einmal seine Meinung sagte, damit sie endlich begriff.

»Sieh zu, dat’e Land gewinnst. Du kotzt mich an! Ewig hängst du mir auf’er Pelle. Reicht es nich’, dat du in’er Schule an mir klebst? Muss du mir jetzt auch noch so ständig hinterher laufen und mir den Rest der Zeit auch noch versauen?«

»Aber, ich wollte doch nur …«, stotterte Eveline.

»Sicher, du wolltest doch nur. Man kapier’s doch endlich. Du bist nich’ meine Freundin und wirst es auch nie sein. Mit so’ner wie dich, würd’ ich mich nie abgeben. Nicht `mal, wenn die Erde einstürzt. Geh zu dem Abschaum, zu dem du gehörst!«

»Ich bin kein Abschaum.« Während ihrer kurzen Rede hatte sich Nele vor Eveline aufgebaut.

»Du bist Abschaum«, Nele tippte mit ihrem Zeigefinger auf Evelines Brust, »und zwar Abschaum der übelsten Sorte.« Keiner der anderen rührte sich. Jeder verfolgte gespannt die Szene.

»Bin ich nich’!« Eveline schrie Nele an und hielt ihre Hand fest. Das war noch nie passiert. Normalerweise glänzten in solchen Situationen ihre Augen vor Tränen. Jetzt hingegen funkelten sie vor Wut.

»Guck dich doch `mal an. Selbst `ne schicke Verpackung macht aus `ner Kakerlake keinen Schmetterling. Kapier’s doch endlich, die Tochter eines Säufers kann niemals wie ich sein. Du bist weniger als der Dreck unter meinen Nägeln.«

»Nele, nich’!«, obwohl sie den Schlagabtausch zwischen den beiden bisher ziemlich lustig gefunden hatte, spürte Saskia allmählich, dass ihre Freundin zu weit ging.

»Wieso nich’? Es stimmt doch!«, gab Nele zurück, ohne den geringsten Hauch von Schuldgefühl, während Eveline derweil Neles Hand losließ und ihre beiden Hände zu Fäusten ballte. »Sag `mal, wat ich schon immer wissen wollte, wo kriegst du überhaupt die ganzen neuen Klamotten her? Dein Säufervater kann sie dir ja wohl kaum kaufen!« Ein diabolisches Grinsen erschien auf Neles Gesicht. »Du sagst ja gar nichts! Ah, ich versteh … Mama sorgt dafür, dat die kleine Eveline alles bekommt, wat `se will. Wie macht die dat? Durch Putzen doch wohl kaum! Aber vielleicht hat `se ja zusätzlich noch wat and’res laufen? Wat, wo man nich’ viel bei denken muss. Hast’e dat Talent von ihr geerbt? Wie die Mutter, so die Tochter! Beide dreckige, kleine Nutten!« Saskia sah etwas in Evelines Hand aufblitzen, doch noch bevor sie irgendetwas sagen konnte, etwas rufen konnte, ihre Freundin warnen konnte, hielt sich Nele den Bauch und starrte erst ungläubig auf den Blutfleck, der sich dort bildete, dann auf Eveline. Schließlich sackte sie, wie in Zeitlupe in sich zusammen. Auch Eveline starrte auf den Blutfleck, dann jedoch auf das Messer in ihren Händen. Keiner rührte sich.

»Sie hat meine Mutter beleidigt! Hat sie doch, oder?«

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